Die Wahrheit des männlichen Prinzips 

Die Wahrheit des männlichen Prinzips 

Die Wahrheit des männlichen Prinzips auszuloten, darum geht es mir in diesem Text. Männer und Frauen sind unterschiedlich. Das ist eine Binsenweisheit. Aber warum ist das so? Seit 6 Millionen Jahren gibt es Menschen auf der Erde. In Millionen von Jahren haben sich die Rollen der Geschlechter entwickelt. Diese Entwicklung hat gravierende Folgen. Dass sich das Klima der Erde verändert, ist nur ein Problem von vielen. Sind daran die Männer schuld?

Ich denke nicht, dass man von Schuld reden kann und sollte. Denn das bringt uns nicht weiter und verhärtet nur die Fronten. Schuld zu verteilen ist falsch, so blockiert es die Notwendigkeit der Kommunikation, des Miteinanders zwischen den Geschlechtern. Und überhaupt.

Wenn sich etwas wirklich ändern soll, müssen wir versuchen, herauszufinden, warum es so wurde, wie es ist. Wir müssen die Mechanismen und die Entwicklung begreifen. In den vergangenen 100 Jahren ist die Emanzipation der Frauen in der Welt immer stärker geworden. Das ist ein Fortschritt. Und macht Mut. Aber wird es ausreichen?

Eine Zeitreise

Beispielsweise musste der Mann Millionen von Jahren auf Jagd zielsicher das Wild erlegen und mit seiner Beute den Weg nach Hause finden. Die Frau dagegen musste, unter vielen anderen Aufgaben, ihre Augen auf eine Schar von Kindern haben, vieles gleichzeitig erledigen und dabei am besten noch hinten Augen haben, wie ein Sprichwort sagt. Die Natur, das Leben hat entsprechend unterschiedliche Anforderungen an Männer und Frauen gestellt, sodass verschiedene Fähigkeiten in der Evolution die Geschlechter geprägt haben. 

Frauen und Männer denken unterschiedlich. In jedem Menschen stecken beide Anteile der Geschlechter. Sie sind nur ungleich ausgeprägt. Deswegen gibt es unendlich viele Nuancen von dem, was ich versuche darzulegen.

Männer definieren sich über größere Gruppen. Leistung zählt. Mannschaften werden gebildet. „Sei ein Mann, stehe deinen Mann“ ist das oberste Ziel des Mannes. Das lernt er vom Vater. Das möchte auch die Mutter. „Sei eine Frau“ würde kein Mensch als Ziel, als Anerkennung äußern.

Frauen bestimmen sich oftmals über verschiedene Gruppen, in Netzwerken. Damit sind Frauen oft flexibler als Männer, wenn es um Veränderungen geht. Viele Nachkommen zu haben, war über Millionen von Jahren eine der besten Optionen, um im Alter versorgt zu sein. Auch wenn der Mann nach außen das Gegenteil behauptet, gilt die Frau in vielen Kulturen als die wirklich tragende Nummer 1.

Frauen tragen die Kinder aus, das sagt wortwörtlich doch schon alles. Frauen tragen viel mehr als „nur“ die Kinder aus.

Der Mann denkt geradlinig, mit seinem Ziel vor Augen. Ein guter Jäger musste, unter vielen anderen, diese Fähigkeit besitzen. Aber er übersieht dabei oft das eher am Rand Liegende. „Typisch Mann“, heißt es, wenn er wieder mal etwas im Kühlschrank übersehen hat. Die Frau hat ein weiteres Gesichtsfeld, welches nicht so sehr in die Tiefe geht. Sie orientiert sich mehr an Merkmalen auf ihrem Weg, der knorrigen Eiche, dagegen hat der Mann eher die Räumlichkeit im Kopf, Karten und Linien. 

Diese nur angedeuteten Unterschiede sind seit Menschengedenken der Aufgabenverteilung geschuldet, die aber auch in der biologischen Verschiedenheit ihre Ursachen findet. 

Sexarbeit mal anders

Der Mann könnte bis ins hohe Alter Kinder zeugen, braucht nur kurze Pausen. Er hat keine Probleme damit, mit seinem Samen verschiedene Frauen in kürzester Zeit zu beglücken. Erst in unserer jetzigen Zeit ist Fortpflanzung nicht mehr das Wichtigste im menschlichen Leben. Aus dieser Möglichkeit heraus scheint der Mann einen ungebändigten Sexualtrieb entwickelt zu haben, der nicht selten über das Ziel der Fortpflanzung hinausgeht. Das bestimmt häufig seine Männlichkeit.

Frauen tragen alsdann das Leben in sich. Das braucht viel mehr Zeit, neun Monate wächst das Kind im Bauch der Mutter. Was das wirklich bedeutet, ist dem Mann fremd. Rein schon aus biologischen Gründen. Theoretisch braucht es mehr als ein Jahr, bis die Frau wieder schwanger werden kann. Genauso hypothetisch könnte der Mann in dieser Zeit schon mehr als 50 Kinder gezeugt haben. Jede Woche eins.

Allein deswegen schon ergibt sich ein unterschiedliches Sein. Der Mann schaut in die Ferne, geradlinig und weit, nach den Möglichkeiten der Fortpflanzung. Die Frau, mit den Folgen der männlichen Potenz beglückt, ist von vielen verschiedenen Aufgaben gefordert, die ein weitgefächertes, flexibles Denken bedingen. Ich weiß, das ist überspitzt ausgedrückt, aber es hat einen wahren Kern.

Jäger und Sammler

Natürlich hat der Mann, über die Zeugung hinaus, auch andere Aufgaben übernommen. Seit ewigen Zeiten ging er auf Jagd und sammelte die Nahrung für die Familie. Auch hier war es schon immer vorteilhaft, klare Ziele vor Augen zu haben und sich die Umgebung als Ganzes einzuprägen, um sich nicht zu verirren.

Fühlte sich der Mann bedroht oder wollte er seine Macht ausweiten, so scheute er keine Gewalt. Auf dem Weg, der Beste zu sein, ging und geht er über Leichen.

Höchstleistung konnte in früheren Zeiten das Wichtigste überhaupt sein. Schnell laufen und weit springen konnte das eigene Leben retten. Dieser Leistungswille ist fest verdrahtet im Kopf vieler Männer.

Wer so denkt und lebt, den verunsichert alles, womit er nicht rechnet. Der empfindet im anderen einen Gegner oder einen Feind. Das andere wird zur Bedrohung. Und was einen bedroht, das kann ein Mann, auch mit Gewalt, vernichten. Das legitimiert das Handeln des Mannes sozusagen.

Und es ist das Grundprinzip jedes rassistischen Denkens. So scheint es entsprechend tief im Wesen des Mannes eingewachsen zu sein. 

Das „Mannsein“ ist auch ein Werk der Erziehung. Das wird von Eltern, seit Millionen von Jahren, den Kindern eingebläut. Die Werte vermitteln Frauen genauso wie Männer. Auch das herrschende Männerbild wird von Frauen getragen und geprägt.

Allein schon das Wort „herrschend“ spiegelt das Denken einer Gesellschaft.

Emanzipation muss also bedeuten, dass dieses Verständnis davon, wie ein Mann sein muss und wie eine Frau sein muss, hinterfragt und gegebenenfalls aufgelöst werden muss. Und wenn es nun mal Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, dass diese als Ergänzung zueinander wahrgenommen und wertgeschätzt werden. 

Vorgefertigte Ansichten und Verhaltensmuster kann man aber nur aufbrechen, indem man es anders macht, als erwartet. Der Mensch ist so, geprägt von der Geschichte, den biologischen Unterschieden, den Wertvorstellungen einer Gesellschaft, die in Millionen von Jahren gewachsen sind und die Machtstrukturen betoniert haben.

Annehmen des Fremden

Der Mensch kann, der Mensch muss all das verändern, den Beton aufreißen, indem er es anders macht. Er bricht mit tradierten Ansichten und Verhaltensweisen oder fängt wenigstens an, diese infragezustellen.

Grundvoraussetzung dafür aber ist das Akzeptieren des anderen. Den anderen nicht als Feind, als Bedrohung zu sehen, sondern als etwas, das das eigene Ich bereichert. Neue Aspekte machen das Leben bunter und reicher. Jeder Mensch ist fremd, wenn wir ihn nicht kennen. Die Neugierde darauf, was dieses Fremde in sich birgt, muss unser Leben bestimmen. 

Ich weiß das auch von mir. Männer finden eher im „In-sich-zurückziehen“ den Raum für das Suchen nach Lösungen, das Finden von Antworten. Sie benötigen Zeit, um sich ihrer Antworten bewusst zu werden. Es hilft also weniger, Druck aufzubauen und Reaktionen zu fordern, wenn der Mann dazu bisher nicht bereit ist. Männer können stundenlang angeln gehen, praktisch nichts tun. Vermutlich ist dieses Nichtstun in der Zeit auch im Kopf des Anglers: nichts.

Wenn in der Erziehung aber immer wieder vom Jungen gefordert wird, anders zu sein, etwas anders zu machen, als es dem eigenen Wesen entspricht, so verletzt dies auf Dauer die Seele eines Menschen. Das gilt selbstverständlich auch für Mädchen, für jedes Kind. Wir erziehen unsere Kinder noch zu oft so, als lebten wir in der Steinzeit.

Die Kunst ist es, es anders zu machen, aber nicht zu fordern, anders zu sein, als der Mensch ist.

Das bedeutet, wie wir unsere Kinder erziehen und welche Wertvorstellungen wir vermitteln, kann eine Grundlage dafür sein, ob unsere Kinder seelisch gesund aufwachsen können. Die Todesursache Selbstmord ist, besonders bei jungen Männern, auffällig hoch. Ein gewichtiger Auslöser ist, dass sich diese jugendlichen Menschen den Anforderungen, unseren Erwartungen nicht gewachsen fühlen. Und das liegt nicht an den jungen Menschen, das liegt an uns selbst, an uns, die wir diese Ansprüche stellen.

Blau und Rosa

Wie ein Mann sein soll, welche Rolle eine Frau ausfüllen muss, sind entscheidende Merkmale in der Erziehung von Kindern und ein Fundament für die Erwartungen, die wir an unsere Kinder haben.

Wir müssen also dieses System aufbrechen. Wir müssen es anders machen. Als Mann genauso wie als Frau. Emanzipation bedeutet, die Mann-Frau-Strukturen aufzubrechen. Die Werte des anderen wahrzunehmen und wertzuschätzen. Besonders auch die Bedeutung der Frau. Was sie leistet in der Familie, im Kinderkriegen, in der Erziehung, im Beruf, im Leben. 

„Sei eine Frau“ muss in unserer Rübe genauso als Auszeichnung klingen wie „sei ein Mann“. Das heißt Gleichberechtigung. Wir können biologische Unterschiede nicht wegdenken, aber wir können lernen, sie zu akzeptieren, zu sehen und anzunehmen.

Und wir können, wir müssen lernen, dass genau darin die Kraft liegt. In den unterschiedlichen Menschen, die alle für sich wertvoll sind und sich ergänzen. Das wäre eine gesellschaftliche Revolution. 

Dabei müssen wir unsere Prinzipien infrage stellen. Ist Leistung und der Beste sein wirklich notwendig, um sich männlich zu fühlen? Ist es sinnvoll, dass Frauen dieses Denken übernehmen, um dem Mann in nichts nachzustehen? Und ist es notwendig,  dass Frauen dieses Denken genauso ungeprüft weiter und weitergeben wie Männer?

Die Wahrheit des männlichen Prinzips

Das männliche Prinzip ist vorherrschend in vielen Kulturen der Welt. Im traditionellen Islam läuft die Frau immer einen Meter hinter dem Mann und muss sich, ihren Körper, vor den Augen Fremder, verhüllen. Auch bei uns in Europa waren Frauen gezwungen, Anfang des 20. Jahrhunderts, für ihr Wahlrecht auf die Barrikaden zu gehen.

Einerseits steht das, seit Urzeiten gewachsene, Rollenverständnis zwischen Mann und Frau. Geformt vom männlichen Prinzip. Andererseits haben wir heutzutage technische Errungenschaften, die das Leben der Menschen in Lichtgeschwindigkeit verändern, auch verbessern, aber dennoch die Gefahr der Zerstörung unserer Erde mit sich tragen.

Ein Sein, das die Menschen überfordert. Dem sie nicht gewachsen sind. Das uns alle unter Druck setzt. 

Druck kann gut sein, denn er bedeutet auch Willenskraft und etwas zu leisten. Dies macht uns auch zielstrebig. Aber dieses Denken ist typisch männlich. Es wird von Frauen übernommen, weil es einfach ist und der Mann das behauptet. Auch war es irgendwann einmal richtig, alles hat seine Zeit.

Aber so, wie es ist, führt es die Menschheit ins Verderben. Weil wir rücksichtslos und unsolidarisch sind und alles zerstören, was uns im Weg steht. Im Kleinen, wenn wir beispielsweise unbedacht die Natur zertrampeln oder, weil uns ein Gesicht nicht passt, eine Schlägerei beginnen. Im Großen und Ganzen sind Klimawandel und Krieg nur zwei von vielen Folgen des männlichen Denkens. Des „Mannseins“. Des männlichen Prinzips.

Immer wieder etwas sein zu müssen, was man nicht ist, zerstört schlimmstenfalls einen Menschen. Es ist die Wurzel der Unzufriedenheit. Jeder Mensch ist einzigartig und wertvoll. Jedes Leben. Das andere, das anders wirklich anzunehmen, stärkt uns als Menschen. Aber das würde bedeuten, dass wir wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Wie viel Männliches und Weibliches in uns steckt, ist bei jedem unterschiedlich. Anders. Das geht so weit, dass Menschen sich im „falschen“ Körper fühlen und finden. Oder dass sie eher das gleiche Geschlecht lieben. All das ist facettenreich. Es wirklich anzunehmen, darum geht es. Denn darin liegt die Chance, sich in der Vielfalt an Möglichkeiten zu entwickeln. Seinen Platz zu erlangen. 

Aber dieses Denken steht absolut im Widerspruch zu unserem Leben. Mütter erlauben ihren Söhnen, in der Schlacht ihr Leben zu opfern und das Leben anderer. Männer führen Krieg. Töten und Zerstören leben. Und empfinden sich genau darin als Granate. Das andere wird als bedrohlich empfunden und auf dem Weg der eigenen Größe niedergemacht. Solange es nicht für den eigenen Vorteil instrumentalisiert werden kann. Das ist die Wahrheit des männlichen Prinzips.

Das ist, einfach ausgedrückt, fürchterlich. Weiblichkeit, die nicht die Männlichkeit als Vorbild nimmt, sondern sich aus sich selbst begreift, muss mehr Gewicht haben. Dabei das Männliche, was ja genauso seinen Wert haben kann, zu unterdrücken, wäre die männliche Lösung. 

Anzunehmen, aber genauso zu prüfen, mit einem weit offenen Blick nach allen Seiten, ist die wahre Befreiung. Nicht nur hier können wir Männer viel lernen, von den Frauen und ihrer Emanzipation. 

Vera F. Birkenbihl – Männer/Frauen – mehr als der kleine Unterschied (Vorlesung 2008) hat mich inspiriert.

Mann und Frau sind mein unerschöpfliches Thema.