Immer Älter

Mohnfeld

Es ist schon komisch, mit jedem Tag und Jahr werde ich immer älter und merke es kaum. Ich fühle mich nicht wie bald vierundsechzig Jahre alt. Wie auch immer sich das anfühlt.

Nun, ich habe Glück. Natürlich versuche ich, mich einigermaßen gesund zu ernähren. Aber das ist auch nichts Außergewöhnliches. Ich bin gesund, trotz meiner noch nie wirklich dagewesenen Sportlichkeit. Das gerne mal einen Spaziergang machen, zähle ich nicht als Sport.

Jedenfalls wirken andere Menschen in meinem Alter nicht selten älter.

Sport ist bestimmt gut, aber mich hat das nie ergriffen. Vielleicht, weil ich nie große Lust hatte, vor meiner Seele wegzulaufen. 

Dabei laufe ich schon immer gerne. Nicht á la Jogging, sondern lieber mit einer „natürlichen“ Geschwindigkeit. Also eher spazieren gehen. Denn dann kann ich das „Um mich herum“ erst wirklich sehen, aufnehmen und entdecken. Dann kann ich es verstehen. 

Denn ich möchte lieber verstehen. Stumpf irgendetwas auswendig zu lernen, lag mir noch nie. Daher habe ich schon vor Ewigkeiten in der Schule ungern Sprachen gelernt. Eingeprägt hat sich mir immer das, was sich „erklären“ kann. Was zu begreifen ist.

Oder was mich zum Lachen bringt. Falten kommen nicht mehr nur vom Lachen.

Auch zum übermäßigen Konsum von irgendwelcher Substanzen zum „Abschalten“ verspürte ich nie ein Interesse, noch nicht einmal, es mal auszuprobieren.

Warum auch soll ich den Stress ertrinken, Pillen lutschen, um mehr zu sein, als ich bin, oder mich in Sphären entspannen, die mir nur etwas vortäuschen, bis ich in einer Sucht nach mehr mich selbst verliere, und die Fesseln dadurch nicht mehr lösen kann?

Dieser Sinn erschloss sich mir nie, auch wenn ich nicht abstreiten möchte, dass andere Menschen vielleicht darin ihre Wahrheit finden. Jeder Mensch hat seine Wahrheit.

Jedenfalls hatte ich mit meinem Vater und seiner Nikotinsucht und Alkoholkrankheit ein Vorbild, dass mich nie zum Nacheifern einlud. Und mein Vater hat das Alter, in dem ich dies schreibe, nie erreicht.

Aber ich schweife ab, über den Weg zu mir selbst, werde ich immer älter. Mache mir Gedanken, an die ich früher nie im Leben gedacht habe. Und auch wenn es nicht so ist, je älter ich werde, je schneller scheint die Zeit zu vergehen.

Und die Menschen um mich herum werden immer jünger. So erfolgreich, so anders, so präsent und doch auffällig nicht mehr in meinem Alter. In diesem Vergleich wird das eigene Alter mehr und mehr deutlicher. 

Und wenn ich in den Spiegel schaue. Schon Jahre sind meine Haare grau und die Geheimratsecken entfalten sich. Natürlich sehen mich die anderen Menschen genauso, sie sehen, was ich kaum fühle. Ist schon lustig.

Irgendwann wird die Zeit da sein, wenn ich mich nur noch beschwerlich bewegen kann, dass ich denke, jetzt bin ich aber alt. Ich hoffe, dass ich dann weit über achtzig Jahre alt sein werde, dass mir das Geschenk des Lebens noch lange erhalten bleibt.

Aber je älter ich werde, je näher kommt das Lebensende. Je augenscheinlicher wird es, dass meine Zeit als Mensch auf dieser Erde weit kürzer sein wird, als die Spanne, in der ich lebendig war. 

Dieses Gefühl ist unvorstellbar: nichts mehr zu sein, nichts mehr zu machen, zu denken, zu fühlen. Nicht mehr zu atmen. Nichts mehr mitzubekommen, von der Erde, auf der ich lebe, von der Welt. Das muss man wohl erlebt haben, um es zu begreifen, aber selbst das werde ich nie mitbekommen, nie verstehen. Denn wenn es so weit ist, dann bin ich tot.

Ich bin froh, dass dieses Ende unwiderruflich irgendwann kommt. Dass der Mensch nicht unsterblich ist. Keine Macht, kein Reichtum, keine Erfindung kann das ändern. Denn alleine diese Sterblichkeit ist die einzige Chance, dass Menschen, die jetzt und später, die nach mir leben werden, es besser machen, als ich, als die Generation der Menschen, die in meinem Zeitalter lebten und leben.

Dass sie aus der Geschichte meiner Generation begreifen, wie fundamental es ist, dieses unser Leben verantwortungsvoll gegenüber uns Menschen und der Natur zu leben. 

Vielleicht ist die so oft sich zeigenden Verantwortungslosigkeit des Menschen gegenüber der „Umwelt“ eine Folge der Sterblichkeit des Menschen. Denn wir werden die Folgen unseres Handelns nicht erleben. Nicht überleben.

„Nach uns die Sintflut“, ist schon seit dem 16. Jahrhundert ein geflügeltes Wort, dass das Handeln des Menschen leitet. Das Bewusstsein, die Verantwortung, dass die Sintflut das Leben nach uns zerstören kann, scheint uns völlig egal und beeinflusst unser Sein eigentlich nur, wenn wir uns im Jetzt persönlich betroffen fühlen. Oder wenn, in der Erkenntnis der sichtbaren Folgen des zerstörerischen Wirkens, die Kraft reift, aus den Ruinen wieder aufzubauen.

Das macht mich sehr traurig. Mehr als traurig. Denn ich empfinde das Leben als das größte Glück auf Erden, als einmaliges und unwiederbringbares, nicht wiederholbares Geschenk. Je älter ich werde, je bewusster wird mir genau das.

Und irgendwie macht es mich mutlos, hoffnungslos. Aber ich verzweifle nicht, denn es heißt ja auch, die Hoffnung stirbt zuletzt.

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