Denn sie wissen nicht, was sie tun?
Denn sie wissen nicht, was sie tun, wäre doch wohlmöglich beruhigend, wenn es so wäre. Weil, was wir nicht wissen, nicht abschätzen können, uns auch nicht als Fehleinschätzung vorgehalten werden kann. Wir wussten es einfach nicht besser. Aber es übersteigt meine Vorstellungskraft, ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass so viele Menschen nicht wissen, was sie tun und welche Konsequenzen es haben wird.
Das war auch schon nach dem Zweiten Weltkrieg so: Sehr viele Menschen meinten etwa, nicht zu wissen, dass es Konzentrationslager gab, in denen Millionen Menschen, Juden, Sinti und Roma, und politisch Andersdenkende ermordet wurden. Die schreiende, schreckliche Ungerechtigkeit wurde billigend in Kauf genommen, von den allermeisten Menschen. Der Widerstand wurde gnadenlos verfolgt, die Richter eines Unrechtsstaates erließen die Todesstrafe, die innerhalb weniger Tage vollzogen wurde.
Natürlich war die Möglichkeit der Informationsverbreitung durch Medien ohne Internet damals weitaus langsamer als heutzutage, aber ich kann es mir nicht vorstellen, dass die Verbrechen der Nazis für die meisten im Dunkeln blieben. Es ist nun mal immer einfacher, nicht genau hinzuschauen, etwas nicht wissen und wahrnehmen zu wollen. Aber ich war damals nicht dabei, ich sehe das aus meiner subjektiven heutigen Perspektive.
Was ich aber heute sehe, sprengt echt meine Vorstellungskraft. Politiker unserer ehemaligen Volksparteien machen eine Politik zum Verzweifeln und Weglaufen. Nie war es deutlicher, wie die politisch Agierenden ihre persönlichen Interessen verfolgen. Wie sie den Lobbyisten hörig sind, weil sie selbst als Interessenvertreter die wirtschaftlichen Belange der Großkonzerne vertreten.
Die Zeit des Kaputtsparens früherer Regierungen durch fehlende Investitionen in die Infrastruktur des Landes rächt sich jetzt. Und natürlich werden die Mittel knapp, wo ein Investitionsstau jetzt immer deutlicher wird. Jeder vernünftig Denkende weiß das aber. Wenn es keinen klugen und vorausschauenden Etat gibt, werden die Löcher immer größer.
Aber das geht doch noch, führt eines Tages zur Katastrophe. Parallel wurden und werden die Reichen immer reicher. Auch etwas, was wir nicht erst seit heute wissen. Die Kluft wird immer größer. Obwohl Einkommen mit einer Steuer belegt werden, werden kleinere Einkommen im Vergleich zu größeren stärker besteuert. Und Vermögen wird kaum besteuert, aus Angst, dass Unternehmen abwandern könnten. Wer viel hat, wird immer reicher, wer wenig hat, immer ärmer. Aber die mehr haben, die Vermögenden, regieren uns, und ihr letztes Interesse ist es, daran etwas zu ändern. Davon sollen sie nichts wissen?
Vorschläge und Vorhaben, bei Sozialleistungen zu sparen, im Gesundheitswesen, und in der Bildung, treffen die sozial Schwachen weit stärker. Aber den vermögenden Menschen ist das gleich, denn sie sind nicht betroffen. Selbst für eine Erpressung, die Diäten der Abgeordneten nicht zu erhöhen, wenn Kürzungen durchgewinkt werden, sind sich unsere Politiker nicht zu schade.
Das alles verstärkt mehr und mehr die Unzufriedenheit mit unseren Politikern, jede Regierung übertrifft auf der Unbeliebtheitsskala die Regierung davor. Und davon wollen unsere Parteien nichts wissen? Also die AfD weiß das bestimmt, sie braucht wenig zu tun, braucht nur abzuwarten, und zu provozieren, und kann sich die Hände reiben.
Aber auch alle anderen großen Parteien wissen es, denn sonst wäre die Politik eine andere. So laufen wir mit offenen Augen in unser Unglück.
Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Situation vergleichbar. Politisch war Deutschland geschwächt vom verlorenen Ersten Weltkrieg. Zwischen Weltwirtschaftskrise und Inflation und dem radikalen Kommunismus durch Stalin, dem Stalinismus, wurde die junge demokratische Ordnung der Weimarer Republik zerrieben. Die Nazis, angeführt von dem verurteilten Verbrecher Hitler, nutzten das aus, verbreiteten Lügen, stürzten die Demokratie und ergriffen die Macht. Schluss war es mit der Mitbestimmung und Freiheit, außer man machte mit, um zu profitieren.
Und natürlich musste ein Feindbild her. Millionen Juden wurden enteignet, verfolgt und umgebracht. Geschäfte wechselten den Besitzer, Nachbarn wurden mit einem „Judenstern“ gekennzeichnet, und gedemütigt, bis sie aus dem Leben verschwanden. Die wenigsten wurden durch mutige Menschen gerettet, die das Unrecht nicht hinnehmen konnten. Und auch viele von ihnen im Widerstand wurden denunziert, wurden verfolgt und nicht selten mit dem Tod bestraft.
Es herrschte ein System der Angst, des Misstrauens, der Strafe für alle, die sich gegen das Regime stellten. Das war die Gruppe des Feindes.
Reine, echte deutsche Männer und Frauen sollten über alle anderen herrschen, sich verbreiten und die Welt als Sieger regieren. Der Zweite Weltkrieg, der Angriff auf Polen, hatte dies als Ziel.
Gott sei Dank war der Gegenwind stärker. Die Demokratie in Amerika, in Frankreich und in England und die geschlagenen, aber nicht besiegten Mächte in Russland sorgten dafür, dass die deutschen Nazis den Krieg verloren. In der Nachkriegszeit wurden die schwersten Verbrecher verfolgt, angeklagt und verurteilt. Der verlorene Krieg war der Anfang der Bundesrepublik Deutschland, der Demokratie in einem kapitalistischen Sozialstaat, sowie des Versuchs, eine deutsche demokratische Republik im sozialistischen Sinn zu schaffen.
Wieso sehen wir uns nicht all das an, sehen wir nicht all das Gute, was sich daraus entwickeln konnte? Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit im Westen, der wachsende Wohlstand des Mittelstandes, die menschliche Solidarität im Osten. Aber wie auch immer, alle politischen Systeme scheitern zwangsläufig an den Menschen. Der Kapitalismus an den wenigen Überreichen?
Der Sozialismus, weil er eine Mauer benötigte, um die Menschen einzusperren, der sich selbst belog, um nach außen besser dazustehen, etwas darzustellen. Und der Andersdenkende und die Opposition bekämpfte und bestrafte, der ungerecht war und viele Menschen verfolgte. Wer nicht dafür war, war der Feind. Und der Sozialismus scheiterte, weil es zu viele Menschen gab, die sich persönlich bereicherten, die das System für ihre eigenen Interessen ausnutzten und ihre Macht genossen. Die Gesellschaft zerfiel, verlor das Vertrauen zu einer Staatsform der Verlogenheit.
Glücklicherweise endete die Zeit der DDR ohne einen Krieg. Leider wurde aber kaum ein Blick darauf geworfen, was alles an guten Ansätzen in Nullkommanichts aufgegeben wurde, ohne genau hinzuschauen und sich Zeit zu lassen. Der Kapitalismus war schnell und gnadenlos, die Versprechungen nach blühenden Landschaften reizvoll und hoffnungsvoll. Das Wirtschaftswunder blieb aber aus. Wirtschaftliches Wachstum hat eine Grenze und kann nicht endlos zunehmen. Das ist einfach unlogisch, auch wenn es so gerne verbreitet und geglaubt wird.
Dabei zeigen kapitalistische Systeme eine große Kreativität bei der Entwicklung neuer Konzepte zur Geldgewinnung. Das ist ihre Absicht und ihr Ziel, dass nur wenige, die Macht besitzen, Milliarden verdienen.
Unser heutiges System in Deutschland, aber auch in anderen ehemals demokratischen Nationen, rudert in diese Richtung: den Reichtum weniger zu vervielfachen. Die Überreichen besitzen ein Vermögen, das jegliche Vorstellung sprengt. Und ja, sie jedenfalls wissen genau, was sie tun.
Sie, die Wirtschaftsbosse, die von ihnen gekauften Medien, die Politiker wissen, wie Menschen denken und funktionieren. Sie wissen, dass es Feindbilder benötigt. Die Ausländer seien schuld, weil sie uns die Arbeit wegnehmen. Und unsere Frauen vergewaltigen. Schutzsuchende tragen die Schuld, denn sie kosten uns nur Geld und gefährden unsere deutsche Kultur. Kinder, Jugendliche, und behinderte Menschen verursachen Ausgaben, hier kann man doch kürzen. Das verkaufen uns unsere Politiker.
Und sie wissen, dass sie damit die Unzufriedenheit schüren, Menschen gegeneinander ausspielen, die sozial Schwachen gegen die noch ärmeren. Sie meinen ernsthaft, indem sie die Themen der Rechten aufgreifen und vorgreifen, ihre eigene Macht zu behalten! Nicht mehr die Macht einer demokratischen Gesellschaft, nein, sondern ihre persönliche Macht. Die des weißen Mannes. Die Macht der Diktatur, der Unfreiheit, des Lebens auf Kosten der Menschheit, auf Kosten der Natur, des ökologischen globalen Gleichgewichts. Für eine Elite der Verbrecher an der Menschheit.
Dafür braucht es Ressourcen, also Eroberungen und Krieg. Krieg funktioniert aber nur, wenn die Gesellschaft auseinanderdriftet, Extremismus sich ausbildet, Feindbilder verstärkt werden und es um die Verteidigung was auch immer, des Vaterlandes geht. Also denunzieren wir einander und schaffen Gruppen, die verantwortlich sein sollen. Das ist doch so einfach.
Der Ausländer, der Drogenabhängige, der psychisch Kranke, der eines anderen Glaubens. Das funktioniert, auch der verlorene Zweite Weltkrieg hat das bewiesen. Denn das rechte Gedankengut, die vielen Mitläufer, das nationale Denken waren nicht besiegt. Es versteckt sich, und jetzt erstarkt es zunehmend im Versagen der großen Parteien. Im gewollten Versagen, so bin ich mehr und mehr geneigt zu glauben.
Wieso anders ist es zu erklären, dass unsere Politiker Feindbilder schüren? Menschen gegeneinander ausspielen. Beispielsweise wird überlegt, alle psychisch erkrankten Menschen undifferenziert zu registrieren, nur weil von ihnen eine Gefahr ausgehen könnte. Gleichzeitig aber wird die Behandlung durch Psychologinnen und Psychologen erschwert, indem die Kostensätze erhöht und Stellen abgebaut werden sollen. Das Gesundheitssystem muss sparen. Anstatt zu helfen, zu heilen und vorzusorgen, wird stigmatisiert, wird wiedermal eine schuldige Gruppe gefunden, an die Wand gestellt und geopfert.
Darum, Menschen wirklich zu helfen, zu fördern in all ihrer Verschiedenheit, geht es nicht. Zu begreifen, dass alles in der Natur einmalig und wertvoll ist, auch alle Menschen, wird ausgeblendet. Denn damit lässt sich zu wenig Geld zuverdienen.
Vermögen verdienen geht nur, wenn man sehr viel vom gleichen oder ähnlichen, möglichst kostengünstig produziert und möglichst teuer verkauft. Das ökologische biologische System Natur und das vom Menschen geschaffene kapitalistische System können nicht gegensätzlich sein.
Was vor ein paar hundert Jahren etwa die seltensten Edelmetalle wie Gold und Diamanten bei „Goldgräbern“ waren, die viel Reichtum versprachen, ist es heute die künstliche Intelligenz, mit der die Großkonzerne noch höhere Gewinne generieren wollen. Entsprechend Rechenzentren entstehen, der Energiebedarf explodiert. Denn mit jeder Frage, die der KI gestellt wird, werden mehr Einnahmen erwirtschaftet. Wo soll das hinführen?
Dabei hat die Masse der Menschen von diesen Gewinnen der IT-Industrie nichts außer einer nach Wahrscheinlichkeit berechneten Antwort auf eine Frage. Die Gewinne fließen nicht demokratisch verteilt in einen Sozialstaat, sondern in die Taschen derer, die mehr als genug haben. Mir kann keiner sagen, dass das nicht gewusst wird, nicht gewollt ist. Oder bin ich so dumm, mir das einzubilden?
Aber ich möchte nicht pessimistisch enden. Nein. Ich möchte optimistisch bleiben und in die Zukunft blicken. Es gibt Staaten wie Finnland, in denen die Menschen glücklich sind. Eben auch, weil viel für den sozialen Staat investiert wird, weil Reichtum nicht allein wenigen, sondern mehr in die Breite verteilt wird. Es gibt kommunale Städte in Deutschland, wo die Politik wirklich und sichtbar Ziele und Vorhaben umsetzt, die den meisten zugutekommen und die uns Menschen sieht.
Kein Blatt gibt es zweimal. Kein Wolkenbild wird sich genauso wiederholen. Alles ist einmalig. Aber einiges ist ähnlich. Und alles lebt im Gemeinsamen, in der Symbiose bis hin im Gegensatz, in der Verschiedenheit. Es wird immer Unterschiede geben, weil nichts Natürliches zweimal existiert. Alles benötigt auch seinen Raum für die Entfaltung und das Vergehen. Aber im Gemeinsamen wird es leichter. Im Vertrauten zueinander, in der Liebe. Mit dieser Sicht gäbe es mit Sicherheit weniger Grund für Hass und Krieg.
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