Ich bin glücklich
Kann ich noch glücklich sein, in dieser Zeit, in der ich lebe? Ich möchte jetzt nun gar nicht all die Dinge aufzählen, die mich unglücklich und miesepetrig machen würden. Nein, das darf sich jeder selbst denken. Die Nachrichten in den Medien sind voll davon. Und wir und ich denken doch so viel an die schwere Zeit, in der wir leben. Und vergessen dabei so oft den Blick auf das Positive, gerade auch im Alltag.
Ja, ich bin glücklich. Ich bin es, weil ich mit meiner Liebsten seit bald zehn Jahren zusammenlebe. Wir haben viele ähnliche Werte und sind auf der gleichen Wellenlänge. Oftmals sprechen wir die gleichen Gedanken aus. Wir versuchen uns einander Halt zu geben, im gemeinsamen Leben. Wir unterstützen einander, wo es uns möglich ist. Beide geben wir uns Mühe, dem anderen zuzuhören und uns zu sehen. Schweres tragen wir zusammen, denn vier Arme sind stärker als zwei. Wir lassen uns unsere Unterschiedlichkeit, keiner will den anderen zu etwas machen, was er nicht ist. Bei all dem behält ein jeder auch den Raum, den wir benötigen, für eine Zeit mit sich selbst. Wir achten uns und achten aufeinander. Und wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.
Ich bin froh, weil ich mit dem zufrieden sein kann, so wie es ist. Ich muss nicht höher hinaus. Und habe nicht den Drang, mehr und mehr haben zu müssen, koste es, was es wolle. Ich eile nicht vom Höhepunkt durch tiefe Täler zur nächsten Sensation. Ich nehme dabei an, dass die Monate wie im Nichts vergehen. Und wieder ist ein Tag vorbei.
Ich bin zufrieden, weil ich glaube, mich einigermaßen zu kennen. Ich weiß, dass ich mich aus Situationen, die mir langfristig nicht guttun, befreien konnte. Nichts musste ich mitnehmen, an materiellen Dingen, die mich belasten. Ich weiß, ich kann loslassen, brauche mich an keinem Kompromiss festhalten, um nicht zu verlieren. Denn genau dieses Klammern an etwas, was in einem möglicherweise eine Unzufriedenheit schürt, hält einen fest. Und ist oftmals ein sicherer Weg ins Unglück.
Ich bin optimistisch, weil ich weiß, dass ich mir selbst vertrauen kann. Ich achte auf mich selbst. Einem unbekannten Schicksal kann ich nicht entrinnen. Aber ich kann meinem Gefühl vertrauen, dass sich mein Weg in die Zukunft aus den Schritten ergibt, die ich bisher gegangen bin. Auch wenn ich das oftmals erst später erkenne. Was sein soll, das wird sein.
Ich bin glücklich, weil ich nicht perfekt sein muss, in meinen Augen. Ich brauche eigentlich nur offen für das Sein zu bleiben, nicht engstirnig, nicht fundamental. Aber zärtlich. Ich glaube an die Kraft der Wahrheit, der Ehrlichkeit. Meine Wertvorstellungen müssen nicht im Gleichklang des Mainstreams stehen und sich nirgendwo anbiedern.
Mein Glück ist es, dass ich nicht eitel sein muss. Ich muss auch nicht der Beste sein, darf Fehler machen. Weil ich nur aus meinen Fehlern lernen kann. Denn wer diese erkennt und annimmt, der kann aus seinen scheinbaren Misserfolgen Erfahrungen gewinnen.
Ich bin mir sicher, dass ich ein klitzekleiner Teil dieses Universums bin. Ein Stückchen eines Ganzen, das alleine deswegen funktionieren kann, weil diese Fragmente als Gesamtheit ihren Wert haben. Jedes Individuum ist wichtig, für sich selbst und als Bestandteil im Netzwerk der gesamten Welt. Mit all seinen Facetten, seinem Leuchten, seiner Dunkelheit. Seinem Mut und seinen Ängsten. Es gibt nichts Negatives, was nicht auch positiv ist, daher ist es oft so unnötig, etwas zu bewerten. Oder es in Schubladen zu zwängen.
Ich bin glückselig, weil ich mich nicht selbst betäuben muss, um mich zu fühlen. Ich benötige keine Drogen, um zu vergessen, und keine Macht über etwas Unbekanntes, um mich stark zu fühlen. Mein Bewusstsein benötige ich, aber keine Mittel zur Bewusstseinserweiterung. Bis zum letzten Atemzug. Dabei muss ich mich nicht opfern, mich nicht verletzen lassen.
Ich bin glücklich, weil ich auch traurig sein kann. Beispielsweise darüber, dass ich nicht alle Brücken zu Menschen halten kann, die mir innerlich nahe sind. Das ist einfach so, weil ich meinen eigenen und persönlichen Lebensweg gehe. Und für so vieles einfach Raum und Zeit fehlen.
Ich bin zufrieden, weil ich meinen eigenen Weg gehen darf. Kein Hunger, keine Not bedrohen mich. Jeder Mensch ist auch fremdbestimmt, von Sachzwängen, von Ereignissen und Anforderungen von außen. Aber meine inneren Zwänge bestimmen mich nicht.
Es erfüllt mich, weil ich weiß, dass mein Leben einen Sinn hatte und hat. Dass ich alles gab, um zwei Kindern eine Familie zu schenken. Keiner kann etwas ungeschehen machen, was andere Menschen nicht konnten: verändern. Aber wir können unser Bestes zu tun versuchen, um es vielleicht etwas besser zu machen.
Mich beseelt es, dass ich weiß, dass ich verletzlich bin. Wunden habe. So mancher Kratzer ist anscheinend verheilt. Aber das heißt nichts. Vielleicht bricht es wieder auf, einmal, wenn mich etwas, wie auch immer, überfordern sollte. Ich habe versucht, meine Hausaufgaben zu machen, hinzuschauen, mich selbst zu finden. Vielleicht ist die Zeit der Suche vorbei. Aber es gibt für nichts eine Garantie. Sicher ist nur die Unsicherheit.
Darum bin ich glücklich, weil ich versuche, im Jetzt zu leben. Im Bewusstsein, dass nichts auf ewig Bestand hat. Und gerade darin liegt der Wert eines jeden neuen Tages. Es ist unwichtig, was ich noch alles haben möchte, was sein könnte. Ob Träume beliebiger Art zu leben erwachen. Das, was sein könnte, macht mich nicht glücklich. Das, was ist, ist mein Glück.
Ich bin beglückt, weil ich Menschen um mich weiß, die ich liebe. Die mich lieben. Ohne es etwas aufzurechnen, gegeneinander abzuwiegen. Kein Mensch ist komplett selbstlos, sollte es auch nicht sein. Denn das hieße unter Umständen, sich selbst nicht wichtig zu nehmen, die eigene Person aus den Augen zu verlieren. Das macht uns zu Werkzeugen. Aber ich muss es nicht berechnen, muss es nicht fordern, keinen Lohn, etwas, was mir vielleicht guttun könnte. Ich kann darauf vertrauen, dass etwas passieren wird, wenn es auf die eine oder andere Weise geschehen soll. So wie uns die Sonne jeden Tag das Licht schenkt, und die Nacht, die das Leben braucht, um einfach nur fortzubestehen. Und zu sterben, wenn es an der Zeit ist, für neues Leben.
Ich bin glücklich.
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