Erinnerungen an die Kindheit
Daran kann er sich nicht erinnern, er weiß es nicht, als ob es gestern gewesen wäre: Er kam zwei Monate zu früh auf die Welt. „Hieltest du es nicht mehr aus, im Bauch deiner Mutter?“, habe ich ihn gefragt.
Wer weiß. So musste er mehrere Monate im Kinderkrankenhaus aufgepäppelt werden. Sein Vater brachte jeden Tag die abgepumpte Muttermilch, aber das kann Zärtlichkeit, Wärme und Nähe nicht ersetzen.
Oft war seine junge Mutter krank oder wieder schwanger. Welche Seele hält das aus, und findet dabei noch die Kraft, eine Liebe gebende sein zu können? Ohne als Frau die Schuld zugesprochen zu bekommen, ließ sich das damals schwer ändern. Keiner kann ihr Vorwürfe machen, denn die Zeiten waren eben so. Es benötigte etwas später die Studierendenrevolution, jedenfalls für einen Anfang, um die Gesellschaft etwas zu ändern. Obwohl, neben der Macht seines Vaters die Liebe einer Mutter, ihre Verantwortung, ihre Fürsorge war, die ihm den Mut gab, die Kinder nicht zu verlassen.
Sein Vater war kein Kind von Traurigkeit. Vielleicht war es die Traurigkeit in der Hilflosigkeit seiner Mutter. Schon ein Neugeborenes fühlt intuitiv. Als er klein war, war er sehr weinerlich. „Heul nicht immer, sei kein Waschlappen“, sagte sein Vater zu ihm. Er war anders, schon als kleiner Bub. Keiner hörte seine Signale.
Er spielte nicht gern Fußball, fand nichts daran, sich zu bolzen. Bisweilen überredete ihn sein Freund Manuel, aber er fand nichts dabei, über die Wiese einem Ball hinterherzulaufen. Der Ball war ohnehin schneller. Auch Sport in der Schule machte ihm keinen Spaß. An Stangen oder am Seil hochklettern schaffte er nie, genauso wenig, wie über den Bock zu springen. Beim Laufen hatte er ausreichend Ausdauer. Immerhin, aber beim Völkerball wurde er als einer der Letzten in die Mannschaft gewählt und als einer der Ersten abgeworfen. Sport war nicht seins. Einer meinte, er könnte doch Judo lernen. Er ging nicht hin.
Er war nicht wie die anderen Jungs. War das der Junge, den sich sein Vater gewünscht hatte?
In der Schule war er immer sehr still. Schüchtern saß er im Unterricht. Von sich aus sich melden tat er kaum, aber wenn er gefragt wurde, wusste er meistens eine Antwort. So glaubt er jetzt. Jedenfalls war er kein miserabler Schüler.
Zur Grundschule konnte er zu Fuß laufen, die Straße bis zum Ende, dann links, den Weg lief er gern. Wie war’s in der Schule? Gut. Wenn er dann mittags nach Hause kam, wusste er auf die Frage seiner Mutter keine andere Antwort. Was sollte er auch sagen? Es passierte wenig Interessantes. Und die Zeit, sich zu nehmen, wirklich etwas wissen zu wollen, die hatte seine Mutter nicht. Denn ein Geschäft wurde geführt, ein neues Haus war fertig gebaut. Alles sauber machen, Kinder und Mann versorgen, das Mittagessen musste pünktlich auf den Tisch. Einen, damals für ihn unerklärlichen Widerspruch fühlte er zwischen der Frage und der Zeit, die er hatte, für eine Antwort. Er war sensibel und hatte empfindsame Antennen für Widersprüche.
Ein paar Mal fuhren seine Eltern mit ihm zum Schulpsychologen, aber mehr passierte nicht. Er blieb ein verschlossenes Kind. Was soll sich auch ändern, wenn Schein und Wirklichkeit nicht zusammenpassen und es keine Zeit für Zärtlichkeit gab.
Im Sommer wurde er nach Norderney verschickt. Er machte einfach alles mit, fand aber keinen Anschluss. In einem anderen Sommer fuhr er in den Sommerferien jeden Tag nach Schwanenwerder. Die Busfahrt mit dem gelben Doppeldecker durch die Stadt war am schönsten.
In der Nähe seiner Straße war ein Wäldchen. Da radelte er gern hin. In dieser Zeit wurde eine große Hochhaussiedlung aus dem Boden gestampft. Hier auf den Bausandhügeln zu spielen, war etwas Einmaliges und Tolles. Ein kleines Abenteuer.
Als er größer war, fuhr er einige Male alleine mit dem Zug nach Frankfurt. Dort holten ihn seine Verwandten vom Bahnhof ab. Denn bei seiner Oma und seinem Onkel war es immer wunderschön. Die beiden lebten mitten in Frankfurt am Main, nahe der Amerikaner und am Rand eines großen Parks. Zum Bäcker konnte er durch den Park laufen. Die Hochhäuser der Stadt überragten alles. Seine Tante fuhr mit ihm in ihrem goldfarbenen Käfer „Sir Henry“ spazieren. Sein Onkel zeigte ihm den riesigen Flughafen. Am Wochenende ging er mit seinem Onkel zusammen einkaufen. In der Küche mit Oma war es urgemütlich, im Wohnzimmer war es schick und aufgeräumt. Und abends gab es immer frisches, vorbereitetes Obst zum Fernsehen.
Viele Freunde hatte er nicht. Manuel, der vielleicht auch wenige Freunde hatte – er weiß es nicht –, spielte gelegentlich mit ihm. Der Vater seines Freundes hatte eine Modelleisenbahn. Es war aber keine Freundschaft, die die Grundschulzeit überdauerte.
Dabei entzog er sich nie, fehlte in der Schule nie unentschuldigt, er machte nur nicht aktiv mit, blieb passiv im Hintergrund. Seine Unnahbarkeit, seine Traurigkeit blieben, aber in der Oberschule versteckte sie sich hinter seinem lächelnden Gesicht. Manche nannten ihn nur den Lächler, glaube ich, mich zu erinnern.
Sein Freund Dieter, in der Realschulzeit, war auch anders, klug, etwas fülliger. Mitunter lud Dieter ihn zu sich ein. Dieters Mama war sehr freundlich und hatte immer etwas zu essen parat. Manchmal fuhr sie ihn mit dem Mercedes nach Hause. Was mag wohl aus Manuel und Dieter geworden sein?
Schulaufgaben hatte er selten auf. Oder er sagte nichts, machte sie selbstständig in seinem Zimmer. Hilfe wollte er nicht. Einmal – nur einmal – erzählte er seinem Vater etwas im Vertrauen, aber sein Vater brach das Versprechen, es nicht weiterzuerzählen. Er hatte zu Hause kein Vertrauen. Das war keine leichte Bürde.
Sein Vater rauchte und feierte gern. Nicht nur Silvester war immer ein rauschendes Besäufnis. Nach einer Feier war ihm dermaßen zum Kotzen in der Nacht, nachdem sein Vater ihn animiert hatte, „nur ein wenig“ Alkohol zu trinken, dass er danach nie wieder übermäßig zur Flasche griff. Alkohol hilft, die Sorgen zu vergessen, aber die Hilfe ist nur kurzfristig und die Folgen der Sucht sind ein hoher Preis. Sein Vater war kein gutes Vorbild, aber darin war sein Vater ein gutes Vorbild.
Auch dem jährlichen Faschingsfest in der Schulzeit entzog er sich nicht. Aber er tanzte nie gern. Er hatte keinen blassen Schimmer, wie man ein Mädchen anspricht. Rauchen und Trinken waren – dank seines Vaters – auch nicht sein Ding. Er wusste nicht, was ihm gefiel. Einmal küsste ihn ein Mädchen auf dem Fest. Aber er war viel zu introvertiert, diesen Kuss zu deuten oder gar auf das Mädchen zuzugehen. Nicht nur deswegen blieb er alleine.
Sein Vater machte am Wochenende gern ausgedehnte Spaziergänge. Manchmal begleitete er ihn. Es wurde wenig gesprochen. Man braucht nicht viele Worte, wenn der Tag lang ist. Obwohl, im Rhythmus der Schritte, seinen Gedanken nachhängen zu können, war schön. Ist es immer noch.
Sein Vater wurde schwer krank, sein Herzinfarkt jedenfalls war die Folge seines Lebenswandels. Nach einer Kur änderte sich nichts wirklich. Danach wurde sein Vater im Klinikum am Gehirn operiert. Es war ein Versuch, die Symptome der Parkinson zu beheben. Ein paarmal besuchte er ihn in dem großen Krankenhaus mit den endlosen Gängen, wie er dachte.
Nach dem Tod seines Vaters konnte seine Mutter, endlich erleichtert und befreit, beginnen, ihr eigenes Leben zu leben.
Was waren die Freuden seiner Kindheit? Kleinigkeiten. Beispielsweise an der Straßenbahnhaltestelle warten und von seiner Mutter ein Matchboxauto geschenkt bekommen. Oder Fahrrad fahren auf dem Weg an der Mauer. Auch im Garten spielen, mit seiner Schwester und ihren Kuschelbären Brummi und Freddy. Sein Bär konnte nie mitspielen, er war wieder zerrupft. Dann wieder auf den gemauerten Zaunpfählen sitzen, Ausschau halten und sich auf den angekündigten Besuch freuen. Am liebsten alle Bücher mit Old Shatterhand und Winnetou lesen, geschrieben aus der Ich-Perspektive von Karl May. Das mochte er besonders, weil er so nahe beim Helden dabei sein konnte.
In seinem kleinen Zimmer sein. Mit LEGO spielen, am Schiff bauen, mit all seinen Steinen, und mit denen, die er seinen Geschwistern abgeluchst hatte. Auf seinen Vater im Auto warten, wenn er ihn zu einem Kundenbesuch mitnahm. Sich auf Weihnachten freuen. Die Autofahrt in den jährlichen Urlaub, noch in der Nacht losfahren und die Urlaubstage am Meer. Onkel Tobias vom RIAS sonntags im Radio hören und „Dalli Dalli“, „Bonanza“ und „Die rauchenden Colts“ im Fernsehen.
Und viel zu selten: seine Mutter mit etwas mehr Zeit am Bett, wenn er hohes Fieber hatte. Im Sommer baden fahren zum „Großen Fenster“ am Wannsee. Seine 10 Jahre jüngere kleine Schwester.
Die Folgen der Gewalt, Alkoholsucht und Aggressivität seines Vaters wogen das nicht auf, aber seine Kindheit war nicht ohne Freude. Das weiß ich, das hat er mir erzählt.
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