Sexualität zur Rettung der Welt

Schwanger sein

Die Sexualität von Männern scheint mir oftmals sehr verquer zu sein. Für Männer ist es scheinbar das Wichtigste, die eigene Lust zu leben. Darauf ist alles abgestimmt. Der Mann geht notfalls zu einer Prostituierten, um sich zu befriedigen. Im Geschäft mit Sex werden Frauen, oft auch sehr junge Frauen, zu einer Ware. Sie verkaufen ihren Körper, sich selbst. Und die Männerwelt verdient doppelt: als Freier und als Kunde. So werden Frauen erniedrigt und zutiefst verletzt. Hauptsache er. Der Mann. Ein Abenteuer, ein Verhältnis zu einer anderen Frau, ein Harem – alles scheint nur seiner Befriedigung zu dienen. Notfalls mit Gewalt, selbst eine Vergewaltigung ist für manche Männer der rechte Weg. Vergewaltigung als Folter kann sich nur eine Männerwelt ausdenken. Hier zeigt sich deutlich das Bild einer egoistischen Männerwelt. Hauptsache, die eigene Lust wird befriedigt. 

Der Mann fühlt sich stark, stärker als eine Frau, oft ist er auch – körperlich – stärker, daher nimmt er sich das Recht. Das Recht des Stärkeren. Das Recht der Macht. 

Diese Macht des Mannes hat einen Gegenpol. Frauen, die sich dem hingeben. Die vielleicht sogar etwas vorspielen, um das Ego des Mannes zu befriedigen. Die sich einen Vorteil erhoffen, Anerkennung, oder die abhängig sind, nicht frei, oder die sich einfach nur opfern, weil es um ihre nackte (materielle) Existenz geht. Welcher Mann wird da wohl Nein sagen? Selbstverständlich ist bei Männern auch angekommen, dass Frauen einen Körper haben, der Lust empfinden kann, aber selbst diese Erkenntnis führt eher zu einem Geben aus Berechnung, um viel mehr dafür zu bekommen. 

Es ist an der Zeit, dass sich das ändert. Die Sichtweise auf die Sexualität ist von der männlichen Seite zu sehr geprägt. Das ist einseitig und führt so oft zu einer Reduzierung auf das Körperliche und zu einer bloßen Konsumierung von Sex. Ich halte den natürlichen Umgang mit Nacktheit für gut, wir werden nackt geboren. Nacktsein hat aber wenig mit Sexualität zu tun. Das Gegenteil gilt. Das Zeigen von möglichst junger, weiblicher – und in Hinblick auf den Zeitgeschmack – schöner, nackter Haut ist fast omnipräsent. Es bedeutet den Verlust des Privaten, mit oft problematischen Auswirkungen, wie würdelosen Abbildungen von Menschen. Gute, auch erotische Darstellungen, gehen anders.

Ich wage mal die These, dass Menschen, die sich körperlich und seelisch dem eigenen Geschlecht hingeben, sich damit gegen die patriarchale Männerwelt stellen. Das ist gut so. Nicht nur allein deswegen benötigen wir schwule und lesbische Menschen. Aber genau deswegen werden Menschen in vielen Ländern verfolgt und Schlimmeres: weil sie das Machtsystem infrage stellen. 

Gleichberechtigung ist eine Antwort. Bestimmt auch eine gute, eine verständliche Reaktion. Aber, ist es gut, wenn Frauen wirklich die gleichen Rechte wie Männer fordern? Wollen Frauen für sich eine Sexualität, wie Männer sie leben? Ist es gut für die Gesellschaft, dass das System, die Sichtweise der Männer, einfach nur auf die Frauenwelt angewendet wird? Das würde doch am System nur wenig ändern. Natürlich benötigen wir gleiche Rechte, aber welche Rechte sind das? Bestimmt weniger die Rechte der Macht eines Patriarchats. Denke ich. 

Deswegen geht es auch um Gleichberechtigung, aber es geht um viel mehr: Es geht um das Aufbrechen von Rollen, um das Entwickeln eines neuen Selbstverständnisses, in dem sich Männer wie Frauen wiederfinden können. In dem es weniger, nein, in dem es nicht um Besitz und Macht geht, sondern um Erfüllung, Leben und Liebe.

Sexualität dient der Fortpflanzung. Damit Menschen das auch machen, also sich fortpflanzen, hat die Evolution ein Lustempfinden „erfunden“. Das Lustempfinden ist auch, ohne das Zeugen von Kindern, eine wunderschöne Sache. Es ist der Moment des Vergessens, der Zeitlosigkeit. Es ist angenehm, durch Hormone, die freigesetzt werden. Und es entspannt und beruhigt und macht einfach glücklich. Das ist so, für Männer, wie für Frauen gleichermaßen – ich als Mann gehe jedenfalls davon aus. Deswegen, so glaube ich, ist eine erfüllende Sexualität abgekoppelt von Macht, von Machtspielen und Unterwerfung.

Natürlich sehen manche Menschen das anders, für sie ist es besonders erotisch, Spiele zu spielen, Demut und Macht zu leben, was weiß ich. Ich denke, all dieses Ausleben der Sexualität hat seine Berechtigung für die Seelen, die das für sich benötigen, aber es ist auch ein Spiegel der Welt und der Zeit, in der wir leben.

Und wir müssen als Menschen lernen, hinter den Spiegel zu schauen. Ich bin im Denken dieser Gesellschaft aufgewachsen, sozialisiert über Generationen. Das macht vieles nachvollziehbar, und ist Ursache für das, was Menschen ausleben. Aber das macht es nicht unbedingt richtig, in Hinblick darauf, dass sich die Menschheit weiterentwickeln muss, grundlegend verändern, wenn sie auf dieser Erde langfristig überleben möchte. 

Und genau dies, die Entwicklung, die Sozialisierung, das daraus entstandene Macht-Patriarchat, ist die Schwierigkeit. Menschen müssen überhaupt erst verstehen lernen, begreifen, um können, worum es geht. Das geht nicht, indem Politiker, Wissenschaftler und Philosophen in einer abgehobenen Fachsprache elitär ihre Wahrheit verkünden, aber kaum einer diese Sprache verstehen kann. Es funktioniert noch weniger, wenn Menschen das Denken ausschalten, und populistischen Parteien, mit Sprüchen wie „Wir sind das Volk“ vertrauen und blind folgen. 

Auch wenn es einfach ist – einfach gesagt und erklärt werden sollte –, es ist zu einfach

Dieses große Ziel, eine Veränderung des Denkens und Handelns, ist nur erreichbar, wenn die Menschen im Kleinen, in ihrem täglichen Leben, ihre Einstellung, ihre Wertvorstellungen, ihr Leben ändern. Wenn Menschen so, für ihre Mitmenschen und Nachkommen, Vorbild werden. Wenn sie aufzeigen, dass es sich – aus sich heraus – lohnt, dass es schön ist, es anders zu machen, anders zu sein.

Für die Sexualität heißt das: Männer und Frauen müssen lernen, ihr Glück in der Zärtlichkeit, im Fühlen des anderen zu finden. Wie schön es ist, sich und den anderen, den Partner, wirklich zu spüren, zu fühlen. Ohne die Verletzlichkeit auszunutzen, ohne besser und stärker sein zu müssen, ohne Mann oder Frau sein zu wollen oder zu müssen, ohne dass es immer mehr, immer etwas Größeres, immer etwas Anderes sein muss, und ohne dass es um Erwartungen geht, die erfüllt werden müssen. Sondern dass das Schöne im Vertrauen zueinander, im Erleben der Nähe, an sich liegt.

Menschen müssen fühlen lernen. Frauen, und selbstverständlich auch Männer, müssen erkennen, dass Frauen nicht das Objekt der Begierde sind, oder sich als Objekt für Männer hingeben. Menschen müssen begreifen, Männer wie Frauen, dass sie angenommen werden und begehrt sind, als das Wesen, das sie sind. So wie sie sind, und nicht so, wie andere sie wollen. Dass es nicht darum geht, „wirtschaftlichen“, das heißt, berechneten, berechnenden, Sex zu haben, sondern dass das Fühlen des eigenen und des anderen Körpers das Schöne ist, und dass der Partner dabei hilft und mitwirkt. Ohne Wollen, ohne Berechnung, sondern voller Hingabe und Liebe.

Wenn diese Erkenntnis auf die Lebenseinstellung der Menschen überschwappt, dann wäre einiges gewonnen. Wenn wir Menschen begreifen, dass es um das Leben an sich geht – von Tieren wie Menschen und Pflanzen –, um seine Vielfalt und seine Buntheit, wenn es darum geht, all dies für wirklich alle zu erhalten, und nicht für das wirtschaftliche Wohl und die Macht einzelner Patriarchen – oder wen auch immer – auszubeuten, dann wäre die Welt vielleicht gerettet. 

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