Doppelmoral

Rose

Monatelang bestimmt die Krise das Leben. Vielleicht hat sie Millionen Opfer gefunden, denn keiner kennt die Dunkelziffer. Aber es wird Sommer, die Zeit verharmlost das Denken, lässt die Angst, die Panik, die Hamsterkäufe vergessen sein. Und die Opfer. Allein 100 000 Tote in den USA werden bedauert. Das ist eine traurige Wegmarke! Bedauerlicherweise.

Nicht nur die Linken wollen wieder leben, denn die Menschen haben reichlich gelitten. Dann lieber Kapital aus der Situation schlagen und auf den Zug aufspringen, der das Ende der Beschränkungen herbeisehnt. Eltern haben genug von der Homeschool, der Schule zu Hause. Endlich sollen die Kinder wieder raus und lernen. Und von Kindern geht doch keine so große Ansteckungsgefahr aus, wird behauptet. Wir wollen nicht mehr allein feiern. Echte Kerle wollen endlich wieder ihren Sex kaufen. Notfalls mit Mundschutz, wie verrückt ist das denn? Aber was ist auch anderes zu erwarten, in einer Welt, in der Sex und Frauen als Waren gehandelt werden und käuflich sind?

Menschen wollen Spaß haben. Jeder will Gewinner sein. Und natürlich muss die Wirtschaft wieder brummen, egal ob dabei das Klima leidet, der Naturschutz vergessen wird, und ob die Klimaziele unter die Räder kommen. Wer will schon begreifen, dass ein Virus all unser marktwirtschaftliches Leben, unsere Leistungsgesellschaft, den Glauben an immerwährendes Wirtschaftswachstum, unsere wilde Unrast nach dem Maximum und unsere Unsterblichkeit komplett infrage stellt? Über das alles nachzudenken, und entsprechend zu handeln, geht doch nicht, denn es würde unsere bisherige Lebensweise, unser Gesellschaftssystem, unsere Werte und Ideale, alles, was heutzutage unser Leben ausmacht, völlig umkehren, auf den Kopf stellen oder gar zerstören. Das darf doch nicht sein.

Lieber weitermachen wie vor dem Ausbruch des Coronavirus, den Kopf tief in den Sand stecken und endlich wieder leben. Das Aufdecken der Lügen eines Lügners kann man per Dekret verbieten. Der Wahrheit verpflichtet sein, passt nicht in die Zeit. Dann lieber Demonstranten, notfalls mit Schießbefehl, Politiker und Virologen mit Gewalt bedrohen, anstatt die eigene gewaltige Bedrohung durch den Virus wahrzunehmen. Was zählt ein Leben, Hauptsache reich werden und bleiben und Spaß haben.

Die Medien, egal welcher Weltanschauung, machen mit. Bauschen auf oder verharmlosen, je nachdem, wie es passt. Linke wie Rechte. Hauptsache, man spricht sich dagegen aus. Früher haben die Menschen doch auch an Verschwörungstheorien geglaubt. Menschen sind dumm. Anstatt die Zeichen der Zeit für eine wirkliche Veränderung zu sehen, anstatt anzufangen, endlich Verantwortung zu übernehmen und verantwortlich zu handeln, anstatt an den Grundfesten der Marktwirtschaft zu zweifeln und diese Zweifel als treibende Kraft zur Erneuerung zu entfachen, wird es weitergehen wie bisher. Noch rasanter, wir haben genug von der Krise, dem Abstand, den Masken. Und noch schneller, bloß keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Noch schneller in den sicheren Untergang. 

Nein, die Landwirtschaft ist doch nicht mitschuldig am Insektensterben. Die Klimakatastrophe, die Zerstörung des ökologischen Systems, die Bedrohung durch neue, mutierte Viren – wir glauben es einfach nicht. So einfach ist das. Dafür gehen wir auf die Straße. Wir verbünden uns mit jedem, egal, wer er ist. Alles hält die Menschen nicht auf, bringt uns alle nicht zur Besinnung, auf unseren sicheren Weg in den Untergang. Und auf dem Grabstein der Menschheit steht: Dumm geboren, nichts dazugelernt und alles wieder vergessen. 

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