Verantwortung

Willst Du Kinder erziehen musst Du Kind mit Ihnen werden

Als sein Onkel konnte ich ihm nicht helfen. Spätestens nach seinem ersten Suizidversuch, aber bestimmt noch viel früher, hätte ich zu ihm Kontakt aufnehmen müssen. Hätte ihn begleiten müssen. Aber ich habe das nicht getan. Ich kann versuchen, mich dafür zu entschuldigen. Es gibt Gründe. Meine Familie, meine Kinder, meine Arbeit und meine Geschichte. Aber all das zählt nicht. Das ist keine Entschuldigung. Ich hätte es machen können. Als sein Onkel.

Hätte ich ihm zuhören können, ihn annehmen, mit Offenheit für ihn da sein können. Hätte ich ihm erzählt, dass jedes Leben einmalig ist. Wertvoll. Einzigartig. Hätte ich ihm erzählt, dass ein Lebensweg sich aus vielen kleinen Schritten ergibt. Manchmal verschlungene Wege geht. Aber sich jeder Schritt aus den Schritten entwickelt, die man gegangen ist. Ich hätte sagen können, dass man alles verzeihen kann. Selbst einem Mörder seine Tat. Alles. Alles seine Gnade finden kann – und seine Gnade finden sollte. Wenn man seinen Weg bewusst geht. Und zu dem steht, was man tut, „Fehler“ einsieht und sich daraus weiterentwickelt. Findet. Wächst. Ich hätte sagen können, dass es nicht darauf ankommt, was man ist, was man hat.

Was andere, was die Gesellschaft, meinen. Sondern darauf, dass man sich selbst lebt. Sich findet. Man muss keinen wahnsinnig tollen Beruf haben. Nicht Professor oder Pilot oder Rechtsanwalt. Um sein Glück zu finden. Man braucht nicht viel. Wichtig ist nur, dass man versucht, sich selbst zu leben. Dass man seine Nische findet. Vielleicht als Künstler. Oder als Vater. Als Poet oder als Einsiedler. Oder, alleine, auf einem Segelboot, als Weltumsegler. Ganz egal. Und ganz egal, was andere meinen, denken oder sagen. All das, meine Lebensphilosophie, hätte ich ihm mitteilen können. Ich hätte für ihn da sein können. Ich hätte ihn als Onkel, als Freund, sein Leben lang begleiten können. Aber ich habe es nicht gesagt, nicht getan, ich habe versagt. Auch wenn die Ursachen seiner Entscheidung sehr komplex sind und mein Handeln nicht den Lauf der Zeit ändern kann, habe ich versagt. Daran trage ich tiefe Schuld. Das ist verantwortungslos.

Verantwortung zu übernehmen, ist nicht leicht. Man muss zu sich selbst stehen, Stellung beziehen. Man muss dabei die anderen Menschen sehen. Darf ihre Persönlichkeit nicht  außer Acht lassen, sie mit ihrer eigenen Wahrheit ernst nehmen. Man muss begreifen, dass jedes Ding, jede Sache, jede Handlung auf Menschen unterschiedlich wirken kann. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung. Jeder reagiert anders. Was für den einen richtig ist, kann für den anderen falsch sein, oder nicht so seine Wirkung entfalten. Jedes hat mehr als nur zwei Seiten.

Verantwortung übernehmen. Daran fehlt es in dieser Welt. Eine Welt, die immer und immer gefühlskälter wird. Wo so gut wie alles unter unternehmerischen Gesichtspunkten bewertet wird. „Lohnt es sich finanziell?“, steht über so vielen. So ist es. Strukturen, Familien, die Halt geben, die ein Netz bilden, lösen sich auf. Freunde können diese Rolle nicht immer ausfüllen. Gleichzeitig sehnt man sich danach zurück, nach dem Halt der Familie, der Geborgenheit, dem Schutz. Der verloren geht, und so weniger hilfreich ist. Dieser Verlust, dieses Alleinsein, zerstört die Empathiefähigkeit in einem.

Mit Folgen. Ein Autounfall auf der Autobahn, kilometerlanger Stau. Menschen werden zu Gaffern, behindern die Rettungsfahrzeuge, filmen das Unglück, reagieren aggressiv auf die Feuerwehr. Menschen, die das Unglück anderer als Event konsumieren. Am Unglück haben die Gaffer keine Schuld, dafür sind sie nicht verantwortlich, aber daran, dass die Helfer behindert werden, sind sie schuld. Verantwortung übernehmen kann nur ein mitfühlender Mensch.

Verantwortung zu übernehmen, hilft. Aber nur solange, wie wir im Gleichgewicht mit uns selbst bleiben. Im Gleichklang. Und nicht vergessen, den Blick auf unsere Geschichte zu behalten, den Blick auf die Geschichte unserer Vorfahren, die mehr oder weniger auch in uns weiterlebt. Nicht mit dem Tod zu Ende ist. Es ist nicht immer einfach zu sehen, wofür wir die Verantwortung tragen. Und für das, was wir nicht verantworten, können wir zwar helfen, aber wir dürfen uns dabei nicht verlieren, weil wir dafür nichts können.

Zuviel Verantwortung zu übernehmen, birgt auch die Gefahr, sich im sich für andere Aufopfern von sich selbst zu entfernen. Es bringt einen möglicherweise in ein inneres Ungleichgewicht, das auch wieder Auswirkungen auf die eigene Person und die Umwelt hat. Das Zauberwort heißt: im Gleichgewicht bleiben, in Waage, in Ausgewogenheit.

„Du willst also die Konfrontation – kannste haben, Du emotionaler und kommunikativer Schwachkopf!“, schreibt ein Opfer. Es hätten aber auch gut die Worte des Vaters sein können. Es ist genau seine Sprache. So lebt der Täter in den Worten des Opfers weiter.

Wir sind für unser eigenes Leben verantwortlich, wie wir leben, was wir tun. Es ist notwendig, sich mit der Schuld, die andere Menschen haben, dem Unrecht, das sie an uns begangen haben, dem Leid, dem Trauma, das sie verursacht haben, zur Bewältigung auseinanderzusetzen. Ja, es ist schlimm. Zum Verzweifeln. Es ist traurig. Es tut weh. Immer und immer wieder. Und vielleicht, um leichter damit fertig zu werden, verschließen wir die Augen davor oder übertragen wir diese Schuld auf andere. Die anderen werden mitschuldig gemacht. Müssen sich mitverantworten.

Aber. Vorwürfe, Schuld verteilen, das hilft nicht. Vorhaltungen von anderen, bauen nur Fronten auf, erzeugen Druck und Aggression, was meistens wenig Nutzen hat, sondern Wut und Feindseligkeit erzeugt. Das verhindert die Verantwortung. Gespräche, Reden, ohne Vorwurf, Zuhören, ohne Wenn und Aber, ohne Kleinreden und Diskussion, gleichberechtigt, sind vielleicht ein Weg hin, zu mehr Verantwortung.

Man kann keinen Menschen ändern. Nie. Man kann immer nur helfen, dass sich andere ändern, wenn sie es von sich aus wollen. Man kann helfen, dass andere sich selbst entdecken, finden, sehen. Bei Kindern bedeutet das für mich Erziehung. Wenn, dann muss man sich selbst ändern. Sich aus der Vergangenheit lösen. Und leben. Jeder muss das, was war, seinen Anteil, mit sich selbst abmachen. Verantwortung für sich selbst übernehmen. Um für andere Verantwortung gemeinsam, im Miteinander zu tragen.

Für eine bessere Welt.

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